Die edierten Quellen

Die hier herausgegebenen und analysierten Quellen umfassen sechs zum Teil mit Zeichnungen versehene Reiseberichte von deutschen Architekten und Diplomaten, die sich zwischen 1685 und 1723 nach Frankreich begeben haben. Es handelt sich dabei größtenteils um Architekten und Ingenieure bürgerlichen Standes; nur einer ist adelig und ein weiterer ein Diplomat aus dem österreichischen Hochadel, der als Bauherr und Kunstkenner in Paris Station machte.

Reiseberichte aus der Spätphase der Herrschaft Ludwigs XIV., in denen tiefgründige und durchdachte Urteile und Ansichten zur französischen Architektur und Kunst geäußert werden, sind selten. Die hier versammelten Quellen sind daher wertvolle Zeugnisse für eine umfassendere kunstgeschichtliche, soziokulturelle und sprachgeschichtliche Untersuchung der Transferprozesse zwischen Deutschland und Frankreich am Übergang zwischen Spätbarock und Frühaufklärung. Diese Dokumente sind einzigartig, weil darin nicht nur aufgelistet wird, was die betreffenden Reisenden gesehen haben, sondern immer wieder auch das Gesehene und Erlebte beurteilt und bewertet wird. Die teilweise illustrierten Textdokumente stammen — mit einer Ausnahme — aus öffentlichen deutschen und österreichischen Sammlungen, Archiven und Bibliotheken. Wir danken bereits an dieser Stelle ausdrücklich allen Institutionen, bei denen die Nutzungs- und Veröffentlichungsrechte liegen. Das Quellenkorpus umfasst folgende Dokumente:

  • Christoph Pitzler: Reisetage- und Skizzenbuch, 1685-88, illustriertes Manuskript (Original verschollen), Potsdam, Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg; digitale Faksimiles der 142 Blatt mit Bezug auf Frankreich, nach Glasnegativen des verschollenen Originals. Obwohl seit Langem in der kunsthistorischen Forschung bekannt, sind bisher nur einzelne Seiten aus dem Frankreichteil publiziert worden.
  • Ferdinand Bonaventura Graf von Harrach: Reisejournal, 1698, Manuskript, Wien, Österreichisches Hauptstaatsarchiv, Allgemeines Verwaltungs-, Finanz- und Hofkammerarchiv, Familienarchiv Harrach; digitale Faksimiles von 58 Seiten aus dem 531 Seiten umfassenden Journal, den Aufenthalt Harrachs in Frankreich und vor allem in Paris betreffend. Das Journal ist zwar von der historischen Forschung in Hinblick auf den sich anbahnenden Spanischen Erbfolgekrieg ausgewertet worden; der Frankreichteil wurde dabei aber als irrelevant erachtet und kaum beachtet.
  • Lambert Friedrich Corfey: Reisetagebuch, 1698-99, Manuskript, Landesarchiv Nordrhein Westfalen, Abteilung Westfalen; digitale Faksimiles der Seiten 1 bis 190 von einem 519 Seiten umfassenden Manuskript, den Teil der Reise nach Frankreich betreffend, mit der Hinreise über Norddeutschland, die Niederlande und Flandern. Lahrkamp hat 1977 eine Buchedition des Manuskripts herausgegeben, die hier umfassend am Original überprüft und ergänzt wurde — für den Frankreichteil, der die Jahre 1698 und 1699 betrifft (s. Corfey 1977).
  • Christian Friedrich Gottlieb von dem Knesebeck: „Kurtze Beschreibung einer Tour durch Holland nach Franckreich, von Braunschweig“, vor 1720, illustriertes Manuskript, Rostock, Universitätsbibliothek; digitale Faksimiles der gesamten 176 Seiten umfassenden Handschrift, also einschließlich der Hin- und Rückreise über Norddeutschland, die Niederlande und Flandern. Dieses Manuskript ist erst in jüngster Zeit überhaupt von der kunsthistorischen Forschung entdeckt und noch nie publiziert worden.
  • Leonhard Christoph Sturm: „Architectonische Reise-Anmerckungen [...]“, Augsburg: Jeremias Wolffen 1719, gedrucktes Buch, mit Kupferstichen illustriert, Los Angeles, Getty Research Institute, Research Library; digitale Faksimiles der Seiten 3 und 48-132 sowie der betreffenden Illustrationen der insgesamt 144 Seiten und 63 Kupferstiche umfassenden Publikation. Sturms Abhandlung gehört zu den wichtigen architektonischen Schriften des deutschen Barock um 1700; Knesebecks Manuskript scheint die Urschrift von Sturms Buch zu sein, das dieser unter Hinzufügung anderer Bestandteile zu einem Buch umarbeiten wird.
  • Balthasar Neumann: Briefe der Reise nach Frankreich, 1723, 19 Briefe samt Anhänge und Zeichnungen, Würzburg, Staatsarchiv; digitale Faksimiles der Briefe der Frankreichreise, die in dieser Form hier erstmals publiziert werden, im Umfang von 107 Seiten. Texteditionen wurden bereits von Karl Lohmeyer 1911 und Max H. von Freeden 1955 vorgelegt, deren Transkriptionen hier umfassend am Original überprüft und ergänzt wurden (s. Lohmeyer 1911; Freeden 1955, S. 769-771, 774-787 und 789-829).

Die Briefe Balthasar Neumanns wurden als eines der gewichtigsten Schriftzeugnisse einer Frankreichreise eines deutschen Architekten bzw. Militäringenieurs aus der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts mit in unser Quellenkorpus aufgenommen, selbst wenn die Reise in die Zeit der Régence (1715-23) fällt. Die berühmten Briefe sollen hier neu kritisch ediert und vor allem der französischen Forschung durch deren erstmalige vollständige Übersetzung besser zugänglich gemacht werden. Auch gibt es einen inhaltlichen Grund, sie zusammen mit den deutschen Reiseberichten der Zeit um 1700 zu edieren: In den Briefen äußert sich — trotz aller Bewunderung gerade für die Neuerungen auf dem Gebiet der Innendekoration und -ausstattung — noch derselbe kritisch-distanzierende Geist gegenüber der französischen Architektur, den wir auch schon beim Grafen von Harrach, bei Christian Friedrich Gottlieb von dem Knesebeck und bei Leonhard Christoph Sturm antreffen.

Es muss betont werden, dass die hier behandelten Reisenden nicht etwa ausschließlich nach Frankreich aufbrachen: Ihre Reisen waren Teil einer umfangreicheren Tour, bei der auch Teile Deutschlands, der Niederlande, Flanderns und Italiens besucht wurden; Graf Harrach reiste sogar nach Spanien und von dort zurück über Frankreich nach Wien. Auf Grund unserer bemessenen Ressourcen, aber auch aus einsichtigen Gründen der konzeptuellen Klarheit, haben wir uns bei der hiesigen Edition allein auf jene Teile der Reiseberichte beschränkt, die auf Frankreich Bezug nehmen — unter Hinzunahme kürzerer Passagen der An- und/oder Abreisen bei Corfey, von dem Knesebeck und Neumann. In methodologischer Hinsicht darf also das Korpus nicht dahingehend interpretiert werden, als sei Frankreich das einzige und hauptsächliche Reiseziel deutscher reisender Architekten und Kunstinteressierter gewesen.

Weitere Funde

Zur besseren Einschätzung des Stellenwerts des hier ausgewählten Quellenkorpus sei in Erinnerung gerufen, dass eine Intensivierung der Reisetätigkeit zwischen den deutschen Gliedstaaten und dem französischen Königreich erst wieder mit dem Ende des Spanischen Erbfolgekriegs (1701 bis 1713/14) und der Beendigung des Großen Nordischen Kriegs (1700-1721) möglich wurde. Doch selbst wenn wir von zahlreichen professionellen Architekten, Militäringenieuren und dilettierenden sogenannten „Kavalierarchitekten“ wissen, die sich bis zur Jahrhundertmitte aus dem Reichsgebiet nach Frankreich begeben haben, um sich dort Anregungen zu holen oder ausbilden zu lassen, so sind doch nur ganz wenige substantielle Schriftzeugnisse über diese Aufenthalte auf uns gekommen. Trotz Archivrecherchen im Vorfeld der Projekteinreichung sind keine aussagekräftigen Schriftzeugnisse zu folgenden Architekten und Innenarchitekten aufgetaucht, die sich vor 1754 nachweislich in Frankreich aufgehalten haben (in alphabetischer Reihenfolge):

Joseph Effner (s. Pozsgai 2012, S. 57f.) — François de Cuvilliés d. Ä. (s. Braunfels 1986, S. 28) und sein Sohn François de Cuvilliés d. J. — Joseph Emanuel Fischer von Erlach (s. Schumacher 2009) — Carl Philipp Christian von Gontard — Johann Adam Groß d. J. — Ignaz Anton Gunetzrhainer — Johann Friedrich Karcher — Georg Wenzeslaus von Knobelsdorff — Johann Christoph Leger — Raymond Leplat (s. zu dessen Einkaufslisten und Memoiren für August den Starken Spenlé 2006) — Johann Friedrich Nette Matthäus Daniel Pöppelmann (s. Heckmann 1972, S. 93-96; ergänzend Jahn 2015, S. 82f.) — Leopoldo Retti — Johann Heinrich Roth — Johann Conrad Schlaun (s. Krause 1995) — Karl Friedrich von Zocha.

Dennoch gibt es vereinzelt durchaus umfangreiche und aussagekräftige Quellen, die allerdings aufgrund unserer beschränkten Ressourcen im Rahmen des hiesigen Projekts nicht berücksichtigt werden konnten:

  • das bereits als maschinenschriftliches Typoskript vorliegende, von Johann Friedrich Armand von Uffenbach (1687-1769) geführte „Tagebuch über Reisen im Elsass, in der Schweiz, Italien, Frankreich und den Niederlanden“ (Göttingen, Niedersächsische Staats- und Universitätsbibliothek, Cod. Ms. Uffenbach 29 bzw. 29 A für die Abschrift, angefertigt von Alste Horn-Oncken). Der spätere Schöffe und Bürgermeister der Freien Reichsstadt Frankfurt am Main hat 1715/16 u. a. länger in Paris geweilt; seine Aufzeichnungen sind gerade für das Kunst- und Musikleben in der französischen Hauptstadt eine Fundgrube (s. Preußner 1949, S. 109-151; zum italienischen Abschnitt der Reise s. zudem Horn-Oncken 1978). Schon zu seinen Lebzeiten hat Uffenbach seinen umfangreichen Nachlass, darunter mehrere tausend grafische Blätter mit zahlreichen Stadt- und Gebäudeansichten, der Göttinger Bibliothek vermacht. Angela Göbel, Mitarbeiterin im hiesigen Projekt, wird im Rahmen ihrer Doktorarbeit zum „Modell“ der Stadt Versailles im europäischen Kontext diese Quelle auswerten.

  • das bisher noch nicht als kritische Ausgabe vorliegende, auf Französisch verfasste Tagebuch von Friedrich Karl von Hardenberg (1696-1763). Der hannoversche Kammerrat und Direktor des Bau- und Gartendepartements im Dienste Georgs II. — des regierenden Kurfürsten von Hannover und Königs von Großbritannien — hat das Tagebuch, zu dem er parallel noch ein Skizzenbuch anlegte, während seines Aufenthalts in Paris 1741 bis 1742 geführt (s. Köhler 2008). Die Edition dieser Quelle bleibt für die Erforschung der deutsch-französischen Kunstbeziehungen während der Herrschaft Ludwigs XV. ein Desiderat.
  • die bereits edierten Briefe von Simon-Louis Du Ry (1726-99), die dieser während seiner Architektenausbildung in Paris zwischen 1748 und 1752 an seine Angehörigen daheim in Kassel gerichtet hat (s. Rege 2019).

Das ARCHITRAVE-Team hofft, dass durch das Projekt noch weitere bisher wenig bekannte oder unentdeckt gebliebene Quellen zutage treten! Bitte wenden Sie sich an uns!

Bibliografie

Braunfels 1986: Wolfgang Braunfels, François Cuvilliés: der Baumeister der galanten Architektur des Rokoko, München: Süddeutscher Verlag, 1986.

Corfey 1977: Lambert Friedrich Corfey — Reisetagebuch 1698-1700, hg. v. Helmut Lahrkamp, Münster: Aschendorff, 1977 (= Quellen und Forschungen zur Geschichte der Stadt Münster, N. F. Bd. 9).

Freeden 1955: Quellen zur Geschichte des Barocks in Franken unter dem Einfluss des Hauses Schönborn, 1. Teil: Die Zeit des Erzbischofs Lothar Franz und des Bischofs Johann Philipp Franz von Schönborn 1683-1729, 2 Bde., Bd. I, hg. v. Max H. von Freeden, Würzburg: Schöningh, 1955.

Heckmann 1972: Hermann Heckmann, Matthäus Daniel Pöppelmann. Leben und Werk, München, Berlin: Dt. Kunstverlag, 1972.

Horn-Oncken 1978: Alste Horn-Oncken, Ausflug in elysische Gefilde: das europäische Campanienbild des 16. und 17. Jahrhunderts und die Aufzeichnungen J. F. A. von Uffenbachs, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 1978 (= Abhandlungen der Akademie der Wissenschaften in Göttingen: Philologisch-Historische Klasse, 3. Folge, Bd. 111).

Jahn 2015: Peter Heinrich Jahn, Souvenirs, Statussymbole und Vademekums. Überlegungen zum ideellen, kreativen und praktischen Nutzen der architekturbezogenen Bücher und Druckgrafiken in Pöppelmanns Besitz, in: Bücherwelten — Raumwelten. Zirkulation von Wissen und Macht im Zeitalter des Barock, hg. v. Elisabeth Tiller, Köln, Weimar, Wien: Böhlau, 2015, S. 63-128.

Köhler 2008: Marcus Köhler, « Paris est une mer pleine de Sirènes & d’écueils...» Le voyage à Paris de Friedrich Karl von Hardenberg 1741-1744, in: Art Français et Art Allemand au XVIIIe siècle, Regards croisés, hg. v. Patrick Michel, Akten des Kolloquiums, Paris, École du Louvre, 6. u. 7. Juni 2005, Paris: École du Louvre, 2008 (= Rencontres de l’École du Louvre, Bd. 20), S. 311-325.

Krause 1995: Katharina Krause, Schlaun und Frankreich, in: Johann Conrad Schlaun 1695-1773. Architektur des Spätbarock in Europa, hg. v. Klaus Bußmann, Florian Matzner u. Ulrich Schulze, Ausstellungskatalog, Münster, Westfälisches Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte 1995, Stuttgart: Oktagon, 1995, S. 204-235.

Lohmeyer 1911: Karl Lohmeyer, Die Briefe Balthasar Neumanns von seiner Pariser Studienreise 1723, Düsseldorf: Schwann, 1911.

Pozsgai 2012: Martin Pozsgai, Germain Boffrand und Joseph Effner. Studien zur Architektenausbildung um 1700 am Beispiel der Innendekoration, Berlin: Mann, 2012.

Preußner 1949: Die musikalischen Reisen des Herrn von Uffenbach. Aus einem Reisetagebuch des Johann Friedrich A. von Uffenbach aus Frankfurt a. M. 1712-1716, hg. v. Eberhard Preußner, Kassel: Bärenreiter, 1949.

Rege 2019: Adeline Rege, Les voyages en Europe de l’architecte Simon-Louis Du Ry : Suède, France, Hollande, Italie 1746-1777, Paris: Honoré Champion, 2019.

Schumacher 2009: Marcel Schumacher, Von Wien nach Paris. Der Parisaufenthalt Joseph Emanuel Fischers von Erlach im Kontext der Architektenreisen nach 1715, in: Frühneuzeit-Info 19/2, 2009, S. 48-58.

Spenlé 2006: Virginie Spenlé, Les acquisitions de Raymond Leplat à Paris, in: Splendeurs de la cour de Saxe : Dresde à Versailles, hg. v. Béatrix Saule, Ausstellungskatalog, Versailles, Musée National du Château de Versailles et de Trianon / Dresden, Staatliche Kunstsammlungen Dresden 2006, Paris: Réunion des Musées Nationaux, 2006, S. 70-79.


Verfasser: Hendrik Ziegler