Zwischen Bewunderung und Ablehnung: ausländische Wahrnehmung französischer Kunst am Übergang vom 17. zum 18. Jahrhundert

Internationale Konferenz, 7.-9. Oktober 2020

Centre de recherche du château de Versailles — Deutsches Forum für Kunstgeschichte Paris

Die Gesamtthematik des Kolloquiums mit dem titelgebenden Pendelschlag zwischen „Bewunderung und Ablehnung“ beruht auf Beobachtungen, die wir im Rahmen des Forschungsprojekts ARCHITRAVE machen konnten: Die von uns analysierte Gruppe von Architekten — vor allem Leonhard Christoph Sturm, Christoph Pitzler, Lambert Friedrich Corfey, aber auch Christian Friedrich Gottlieb von dem Knesebeck — entwickelte einen erstaunlich eigenständigen nüchtern-sachlichen Klassizismus, der zwar durchaus Anleihen aus Frankreich erkennen lässt, letztlich aber kaum etwas gemein hat mit der französischen Stereometrie und komplexeren Raumdistribution. Diese merkwürdige Ferne zu Frankreich bei einem gleichzeitigen nachweislichen Interesse an der Architektur des Nachbarlandes ist Ausgangspunkt unseres neuerlichen Befragens der Wahrnehmung und Rezeption der französischen Kunst am Übergang zwischen Barock und Frühaufklärung.

Die Konferenz möchte daher die alte Frage nach den Wegen, dem Umfang und den Auswirkungen des Kulturtransfers zwischen Frankreich und den deutschen Nachbarstaaten im genannten Zeitraum neu stellen. Diese Aktualisierung soll durch die Anwendung und Berücksichtigung zahlreicher, wenn auch oft disparater Ansätze erfolgen, die in jüngerer Zeit sowohl im Bereich der theoretisch-methodologischen Überlegungen als auch auf dem Gebiet der empirisch-quantifizierenden Forschung vorgelegt worden sind. Denn das von Louis Réau in den 1920er Jahren eingebrachte Forschungsparadigma einer „expansion de l’art français“ erweist sich als äußerst langlebig (s. Réau 1924-1933; Réau 1954; s. auch Lavedan 1941; Du Colombier 1956): Noch immer hält ein Teil der Forschung in mehr oder weniger expliziter Form an der Ansicht einer Dominanz des französischen Kulturmodells in Europa im späten 17. und 18. Jahrhundert fest (s. Schlobach 1992; Fumaroli 2001). Dabei hat sich bereits seit den späten 1980er Jahren eine transnational ausgerichtete Transferforschung etabliert, die die Komplexität und Vielschichtigkeit dieser Rezeptionsprozesse deutlich herausgestellt hat (s. zusammenfassend Kostka 2007; s. auch Beaurepaire 2007). Erst allmählich scheinen sich in der Forschung jene Erkenntnisse und Überlegungen durchzusetzen, die Eva-Bettina Krems in einem zusammenfassenden Forschungsbericht „zu den künstlerischen Beziehungen zwischen Frankreich und dem Alten Reich” herausgearbeitet hat: nämlich, dass jeder „Import“ — ob eines Raumschemas, eines Gestaltungselements oder eines Kunstgegenstands — stets zu einer Funktionsveränderung bzw. -anpassung der überführten Konzepte oder Objekte an die Bedingungen und Erfordernisse im Zielland führte (s. Krems 2007; Krems 2017). Welches Ausmaß solche Adaptionsprozesse an einheimische Bautraditionen und zeremonielle Erfordernisse vor allem im Alten Reich annehmen konnten, ist jüngst mit dem Sammelband „Versailles et l’Europe: l’appartement monarchique et princier, architecture, décor, cérémonial“ umfänglich vorgeführt worden (s. Gaehtgens/Castor/Bußmann/Henry 2017). Dieser Sammelband fasst wichtige Erkenntnisse der jüngeren deutsch-französischen Transferforschung zusammen, die unter anderem von Guido Hinterkeuser, Katharina Krause, Eva-Bettina Krems, Martin Pozsgai, Max Tillmann und Ulrike Seeger erarbeitet worden sind und daher hier nicht einzeln aufgelistet werden müssen. Ergänzend sei lediglich auf die Forschungen von Sandra Bazin-Henry zur Rezeption der Spiegelgalerien in Europa hingewiesen (s. Bazin-Henry 2017).

Mit Bezug auf diesen hier nur angedeuteten neueren Forschungsrahmen sollten bei der Wahl und Ausarbeitung der Beiträge für das geplante Kolloquium folgende Herangehensweisen bevorzugt werden:

  • eine komparative Perspektive, die auch den kompetitiven Aspekt der Adaptionsprozesse nicht unberücksichtigt lässt und bei der der binationale Fokus der Transferbeziehungen zwischen Frankreich und Deutschland stets vergleichend eingebettet wird in einen breiteren multinationalen Rahmen — also auch andere Referenzmodelle wie die Niederlande, Spanien, Britannien oder Italien Berücksichtigung finden (s. DaCosta Kaufmann 1992; Black 2003; Duindam 2003; Kürbis 2004; Dölle 2014; Oliván Santaliestra 2015; Maurer 2016);

  • eine quantifizierende (auszählende) Herangehensweise, die die Zusammenstellung belastbarer statistischer Erhebungen über die beobachteten Phänomene gewährt (Gerrit Verhoeven hat 2009 eine Studie zu den niederländischen Europareisenden im 17. Jahrhundert publiziert, die auf der statistischen Auswertung aller erreichbaren Reiseberichte in den Archiven und Bibliotheken von Amsterdam, Den Haag, Leiden und Brüssel beruht; Eva Bender hat in ihrer 2011 vorgelegten quantifizierenden Analyse der deutschen Prinzenreisen am Ausgang des 17. Jahrhunderts statistisch nachgewiesen, dass Frankreich als Reiseziel eben nicht den höchsten Stellenwert hatte; zu den Verschiebungen der Reiseziele von den südlichen zu den nördlichen Ländern bereits ab den 1680er Jahren hat Roche 2006 die Guidenliteratur systematisch ausgewertet);

  • eine objektbezogene Forschung, die die verschiedenen Medien und Gegenstände des Transfers in den Mittelpunkt stellt, neben kunstgewerblichen Objekten vor allem die Druckgraphik (s. Wilke 2016, Deutsch 2015), aber auch weniger beachtete Kommunikationsinstrumente wie die Medaillen — alles Objekte, die nicht nur durch Kauf, sondern auch als diplomatische Geschenke bei dynastischen oder bündnispolitischen Austauschbeziehungen als „Mittler“ eingesetzt werden konnten (s. Polleroß 2014);

  • eine Transferforschung, die die Orte und Plattformen der Netzwerkbildungen berücksichtigt, die von den Ausländern in Frankreich genutzt wurden; Ritterakademien, Sprachschulen, aber auch die ausländischen Gesandtschaften in Paris sind als Orte der Soziabilität noch nicht genügend berücksichtigt worden (lediglich für Rom hat das Friedrich Polleroß vorbildlich herausgearbeitet; s. Polleroß 2010);

  • ein die Verschiebung der Episteme (des Wissenshorizonts) im genannten Beobachtungszeitraum beachtender Forschungsansatz, denn damit kann bei der Untersuchung von Reiseliteratur ein Übergang von einer eher gelehrig-beschreibenden (s. dazu jüngst für Frankreich Lemerle 2018) hin zu einer literarisch überhöhenden und emotionale Anteilnahme vermittelnden Beschreibungstechnik genauer nachgewiesen werden (s. Wolfzettel 1997; Engelbrecht 2013).

Bibliografie:

Bazin-Henry 2017: Sandra Bazin-Henry, Mirror Galleries and their Diffusion in Europe During the 17th and 18th Centuries, in: The Gallery of Charles XI at the Royal Palace of Stockholm — in Perspective, hg. v. Linda Hinners, Martin Olin u. Margaretha Rossholm Lagerlöf, Stockholm: Kungl. Vitterhets Historie och Antikvitets Akademien, 2016 (= Kungliga Vitterhets, Historie och Antikvitets Akademiens handlingar / Historiska serien, Bd. 32), S. 97-112.

Beaurepaire 2007: Pierre-Yves Beaurepaire, Le mythe de l’Europe française au XVIIIe siècle. Diplomatie, culture et sociabilités au temps des Lumières, Paris: Éditions Autrement, 2007.

Bender 2011: Eva Bender, Die Prinzenreise: Bildungsaufenthalt und Kavalierstour im höfischen Kontext gegen Ende des 17. Jahrhunderts, Berlin: Lukas, 2011 (= Schriften zur Residenzkultur, Bd. 6).

Black 2003: Jeremy Black, The British Abroad. The Grand Tour in the Eighteenth Century, Stroud: A. Sutton, 1992, Neuaufl. ebd. 2003.

DaCosta Kaufmann 1992: Thomas DaCosta Kaufmann, Alternatives to Versailles in Central and Eastern Europe, in: Versailles: French Court Style and its Influence, hg. v. Hovard Creel Collinson, Toronto: University of Toronto School of Continuing Studies, 1992, Bd. 1, S. 89-101.

Deutsch 2015: Kristina Deutsch, Jean Marot : Un graveur d’architecture à l’époque de Louis XIV, Berlin: De Gruyter, 2015 (= Ars et Scientia, Bd. 12).

Dölle 2014: Florian Dölle, Anton Ulrich, Frankreich und die französische Kunst, in: „... einer der größten Monarchen Europas“?! Neue Forschungen zu Herzog Anton Ulrich, hg. v. Jochen Luckhardt, Forschungsband zur Ausstellung „Fürst von Welt. Herzog Anton Ulrich — Ein Sammler auf Reisen“ anlässlich des 300jährigen Todesjahrs Anton Ulrichs von Braunschweig-Lüneburg, Braunschweig, Burg Dankwarderode, 2014, Petersberg: Michael Imhof, 2014, S. 94-115.

Du Colombier 1956: Pierre du Colombier, L’architecture française en Allemagne au XVIIIe siècle, 2 Bde., Paris: Presses Univ. de France, 1956.

Duindam 2003: Jeroen Frans Jozef Duindam, Vienna and Versailles. The Courts of Europe’s Dynastic Rivals, 1550 — 1780, Cambridge: Cambridge Univ. Press, 2003.

Engelbrecht 2013: Martina Engelbrecht, Architektur sehen, erleben, beurteilen: Form- und Funktionswandel von Architekturbeschreibungen im 18. und frühen 19. Jahrhundert, Phil. Diss. Universität Heidelberg 2014 (online).

Gaehtgens/Castor/Bußmann/Henry 2017: Versailles et l’Europe : l’appartement monarchique et princier, architecture, décor, cérémonial. Mit einem Vorwort v. Thomas Kirchner, hg. v. Thomas W. Gaehtgens, Markus A. Castor, Frédéric Bußmann u. Christophe Henry, Paris: Album Editions Montmartre, 2017 (= Passages online, hg. v. Deutschen Forum für Kunstgeschichte Paris, Bd. 1).

Fumaroli 2001: Marc Fumaroli, Quand l’Europe parlait français, Paris: Fallois, 2001.

Kostka 2007: Alexandre Kostka, Transfer, in: Kritische Berichte 35, 2007, H. 3, S. 15-18.

Krems 2007: Eva-Bettina Krems, Modellrezeption und Kulturtransfer: methodische Überlegungen zu den künstlerischen Beziehungen zwischen Frankreich und dem Alten Reich (1660-1740), in: Jahrbuch der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden 31, 2004 (2007), S. 7-21.

Krems 2017: Eva-Bettina Krems, Medien, Transfer und Netzwerke: Höfische Konkurrenz um 1700, in: Landgraf Carl (1654-1730). Fürstliches Planen und Handeln zwischen Innovation und Tradition, hg. v. Holger Th. Gräf, Christoph Kampmann u. Bernd Küster, Marburg: Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Hessen, 2017, S. 203-212.

Kürbis 2004: Holger Kürbis, Hispania descripta: von der Reise zum Bericht. Deutschsprachige Reiseberichte des 16. und 17. Jahrhunderts über Spanien. Ein Beitrag zur Struktur und Funktion der frühneuzeitlichen Reiseliteratur, Frankfurt a. M. u. a.: Lang, 2004 (= Europäische Hochschulschriften. Reihe 3, Geschichte und ihre Hilfswissenschaften, Bd. 994).

Lavedan 1941: Pierre Lavedan, Histoire de l’urbanisme, 3 Bde., Paris, 1926-1952, Bd. II: Renaissance et Temps modernes, Paris: Laurens, 1941, S. 193-331.

Lemerle 2018: Frédérique Lemerle, Le voyage architectural en France (XVe-XVIIe siècles) : Antiquité et modernité, Turnhout: Brepols, 2018 (= Études Renaissantes, Bd. 26).

Maurer 2016: Michael Maurer, Orientierungsschemata europäischer Kulturgeschichte (1660-1789) und Wechsel der Kulturmodelle: von Frankreich zu England, in: Gallotropismus im Spannungsfeld von Attraktion und Abweisung / Gallotropisme entre attraction et rejet, hg. v. Wolfang Adam, York-Gothart Mix u. Jean Mondot, Heidelberg: Universitätsverlag Winter, 2016 (= Gallotropismus und Zivilisationsmodelle im deutschsprachigen Raum (1660-1789) / Gallotropisme et modèles civilisationnels dans l’espace germanophone (1660-1789), hg. v. Wolfgang Adam u. Jean Mondot, Bd. 2), S. 265-281.

Oliván Santaliestra 2015: Laura Oliván Santaliestra, Johanna Theresia Lamberg. The Countess of Harrach and the Cultivation of the Body between Madrid and Vienna (1653—1716), in: Early Modern Dynastic Marriages and Cultural Transfer, hg. v. Joan-Lluís Palos u. Magdalena S. Sánchez, Farnham u. Burlington: Ashgate, 2015, S. 213-234.

Polleroß 2010: Friedrich Polleroß, Die Kunst der Diplomatie. Auf den Spuren des kaiserlichen Botschafters Leopold Joseph Graf von Lamberg (1653-1706), Petersberg: Michael Imhof, 2010.

Polleroß 2014: Friedrich Polleroß, Kaiser und Fürsten: Netzwerke der Kunst und Repräsentation im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation, in: „... einer der größten Monarchen Europas“?! Neue Forschungen zu Herzog Anton Ulrich, hg. v. Jochen Luckhardt, Forschungsband zur Ausstellung „Fürst von Welt. Herzog Anton Ulrich — Ein Sammler auf Reisen“ anlässlich des 300jährigen Todesjahrs Anton Ulrichs von Braunschweig-Lüneburg, Braunschweig, Burg Dankwarderode, 2014, Petersberg: Michael Imhof, 2014, S. 24-67.

Réau 1924-1933: Louis Réau, Histoire de l’expansion de l’art français, 3 Teile in 4 Bde., Paris: Laurens, 1924-1933.

Réau 1954: Louis Réau, Le rayonnement de Versailles, in: Revue d’Histoire moderne et contemporaine, Bd. I, 1954, S. 25-47.

Roche 2006: Daniel Roche, Les livres de voyage à l’époque moderne, XVIe —XVIIIe siècle, in: Revue de la Bibliothèque nationale de France, Nr. 22, 2006, S. 5-13.

Schlobach 1992: Jochen Schlobach, Frankreich als Modell: Zur absolutistischen Repräsentationskultur im Deutschland des 18. Jahrhunderts, in: Médiations — Vermittlungen. Aspekte der deutsch-französischen Beziehungen vom 17. Jahrhundert bis zur Gegenwart, hg. v. Michel Grunewald u. Jochen Schlobach, Bd. I, Bern, Frankfurt a. M. u. a.: Lang, 1992, S. 3-15.

Verhoeven 2009: Gerrit Verhoeven, Europe within Reach: Netherlandish Travellers on the Grand Tour and Beyond (1585-1750), übersetzt v. Diane Webb, Leiden u. Boston: Brill, 2009.

Wilke 2016: Thomas Wilke, Innendekoration. Graphische Vorlagen und theoretische Vorgaben für die wandfeste Dekoration von Appartements im 17. und 18. Jahrhundert in Frankreich, 2 Bde., München: scaneg, 2016.

Wolfzettel 1997: Friedrich Wolfzettel, Beschreiben und Wissen — Überlegungen zum Funktionswandel der Deskription im französischen Reisebericht, in: Grenzgänge 4, 1997, S. 44-59.

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