Zwischen Realität und Fiktion: Reiseberichte als eigenständige künstlerische und literarische Gattung

Workshop, 22. und 23. November 2018

Deutsches Forum für Kunstgeschichte Paris

Im Rahmen des Workshops sollen die sprachlich-literarischen und künstlerisch-gestalterischen Besonderheiten frühneuzeitlicher Reiseberichte in den Blick genommen und an exemplarischen Fallbeispielen näher untersucht werden. Reisen, die persönlich unternommen wurden, generierten im 17. und 18. Jahrhundert — nicht anders als bereits im 16. Jahrhundert — die unterschiedlichsten Formen von textlichen und bildlichen Aufzeichnungen und Materialzusammenstellungen: Journale, Briefe, Zeichnungen, Stichsammlungen usw. Unter Verwendung dieser diversen Aufzeichnungen wurde oft vom Reisenden selbst, oder aber von fremder Hand, noch während der Reise — meist aber wohl erst nach der Rückkehr — ein teilweise bebilderter Reisebericht kompiliert. Dieser höhere textliche und bildliche „Aggregatzustand“ des Reiseberichts — größtenteils noch handschriftlich verfasst und illustriert, teilweise aber auch in gedruckter Form überliefert — bildet den eigentlichen Untersuchungsgegenstand des Workshops.

Der Workshop zielt auf einen Dialog zwischen der Kunstgeschichte und der Literaturwissenschaft ab. Folgende Fragenkomplexe lassen sich umreißen:

(1) Ein Untersuchungsfeld stellen die Überführungsmodalitäten dar, die die unterschiedlichsten Überlieferungsformen der individuellen Reise bei der Transformation in einen „Reisebericht“ erfahren haben können — dort, wo sich ein breiterer Materialbestand im Umfeld eines Reiseberichts noch erhalten hat.

Zu diesem Fragenkomplex gehören auch die möglichen Gemeinsamkeiten und Divergenzen zwischen Reiseberichten in ihrer handschriftlichen und in ihrer gedruckten Fassung.

(2) Bei der Wahl der Untersuchungsbeispiele sollten Passagen im Mittelpunkt stehen, in denen Werke der bildenden Kunst (der unterschiedlichsten Gattungen: Münzen, Stiche, Grabsteine, städtebauliche Ensembles, Bauwerke, Gemälde) erwähnt, beschrieben und eventuell auch bewertet werden. An solche Textpassagen könnten verschiedene (literatur- und sprachwissenschaftliche) Fragen herangetragen werden:

  • nach der Sprechabsicht (kurzweilig unterhaltend, pädagogisch belehrend, enzyklopädisch beschreibend);
  • nach der eingenommenen Perspektive des Autors (Ich- bzw. Wir-Perspektive);
  • nach dessen bevorzugt wahrgenommenen Rollen (sachlicher Beobachter, überlegener Schilderer, beflissener Untertan) und deren konfessionellen, geschlechtlichen oder ständischen Markierungen;
  • nach der Wahl der Erzählformen (Anekdote, Episode), Erzähltempi (parataktische Reihung, verlangsamende Verschachtelung, dynamisch verknappte Narration) und der literarisch-rhetorischen Mittel (Übertreibungen, Superlative, Allusionen, Ironie, Negationen, Formeln der Zustimmung und Bejahung);
  • nach der Verwendung markierter oder unmarkiert gelassener intertextueller und innerbildlicher Verweise (auf die verwendete apodemische Literatur, die gelesenen antiken oder zeitgenössischen Autoren, die verwendeten Stichvorlagen);
  • nach der Häufigkeit von Fremd- bzw. Lehnwörtern im Gegensatz zu bewusst „eingedeutschten“ Wörtern, von lateinischen Zitaten, fremdsprachigen Textpassagen bzw. der Verwendung von Fachtermini (etwa aus dem Bereich der Architektur).

Letztlich geht es um eine jeweilige (bewusste oder unbewusste) Bestimmung von Abstand und Nähe zum Gegenstand, einem gewählten Grad an nüchterner Versachlichung bzw. persönlicher und emotionaler Betroffenheit. Auszuloten wäre, wie der jeweilige Autor sprachlich und bildlich die beschriebenen Kulturphänomene bewertet und dabei seine Referenzkultur als gleich-, unter- oder übergeordnet erachtet. Damit wäre die Frage nach der Wahrnehmung der Kultur des Anderen und Fremden (der Grad an vermittelter Superiorität, Inferiorität oder Gleichrangigkeit bis Gleichgültigkeit) angeschnitten.

(3) Schließlich stellt sich die — in methodologischer Hinsicht nicht unproblematische — Frage, inwieweit sich aus den mehr oder weniger zufällig überlieferten und bisher in der Wissenschaft behandelten Einzelfällen überindividuelle sprachliche und bildliche Darstellungs- und Bewertungsmuster extrapolieren lassen. Letztlich könnte sich nur durch den systematischen Vergleich mit anderen (bebilderten) Textkorpora — etwa wissenschaftliche bzw. pseudo-wissenschaftliche Abhandlungen, fiktive Reiseberichte und dergleichen — das Charakteristische der Entwicklung der Gattung des realitätsbezogenen „Reiseberichts“ zwischen dem 16. und dem 18. Jahrhundert herausarbeiten lassen.

Das ist im Rahmen des Workshops natürlich nicht zu leisten. Dennoch werden die Teilnehmerinnen und Teilnehmer gebeten — soweit ihnen eine breitere Materialbasis zugänglich ist —, Aussagen darüber zu treffen, wie repräsentativ in qualitativer und quantitativer Hinsicht ihre gewählten Einzelfälle wahrscheinlich sind. Gerade die quantifizierende Auflistung bestimmter Text- und Bildphänomene könnte einer der Grundsteine für eine bessere Erfassung der Spezifika der Gattung darstellen.

(4) Neben Frankreich, können im Rahmen des Workshops auch andere Reiseziele (die Vereinten Provinzen der Niederlande, Italien, die Britischen Inseln, Spanien) als Vergleichsbeispiele zur Sprache kommen. Dabei wäre die Frage zu erörtern, inwieweit man über Frankreich anders als über andere Länder schreibt bzw. es bildlich darstellt.

Die Reiseforschung ist ein weites wissenschaftliches Betätigungsfeld geworden. Allerdings hat sich die Forschung mit spezifisch sprach- und literaturwissenschaftlichen Fragestellungen nur punktuell beschäftigt. Hier sollen einige bibliografische Hinweise auf Arbeiten der Teilnehmerinnen und Teilnehmer am Workshop erste Anhaltspunkte geben.

Bibliografie:

Antoine/Gomez-Géraud 2001: Roman et récit de voyage, hg. v. Philippe Antoine u. Marie-Christine Gomez-Géraud, Paris: Presses de l’Univ. de Paris-Sorbonne, 2001 (= Imago mundi, Bd. 1).

Baier 2010: Irmtraud Baier, „Ohnvergleichliches Italien“: Italienreise, Italienbild und Italienrezeption um 1700 am Beispiel des Landgrafen Karl von Hessen-Kassel, Kassel: Verein für Hessische Geschichte und Landeskunde, 2010 (= Hessische Forschungen zur geschichtlichen Landes- und Volkskunde, Bd. 53).

Bepler 1988: Jill Bepler, Ferdinand Albrecht von Braunschweig-Lüneburg (1636-1687). A Traveller and his Travelogue, Wiesbaden: Harrassowitz, 1988 (= Wolfenbütteler Arbeiten zur Barockforschung, Bd. 16).

Engelbrecht 2012: Martina Engelbrecht, Zwischen Faktizität und Literarisierung: Architekturbeschreibungen in der Reiseliteratur des 18. Jahrhunderts, in: Ein Dialog der Künste. Beschreibungen von Architektur in der Literatur von der Frühen Neuzeit bis zur Gegenwart, hg. v. Barbara von Orelli, Petersberg: Michael Imhof, 2012, S. 43-55.

Engelbrecht 2014: Martina Engelbrecht, Architektur sehen, erleben, beurteilen: Form- und Funktionswandel von Architekturbeschreibungen im 18. und frühen 19. Jahrhundert, Phil. Diss. Universität Heidelberg 2014; URL: http://www.ub.uni-heidelberg.de/archiv/16236.

Fogelberg Rota 2013: Stefano Fogelberg Rota, Education, Pilgrimage and Pleasure: The Rhetorical Strategies in the Writings of Three Eighteenth-century Swedish Travellers to Italy, in: From Site to Sight: The Transformation of Place in Art and Literature, hg. v. Victor Plahte Tschudi u. Turid Karlsen Seim, Rom: Scienze e Lettere, 2013, S. 123-137.

Keller 1994: „Mein Herr befindet sich gottlob gesund und wohl“. Sächsische Prinzen auf Reisen, hg. v. Katrin Keller, Leipzig: Leipziger Univ.-Verl., 1994 (= Deutsch-französische Kulturbibliothek, Bd. 3).

Lüsebrink 2005: Hans-Jürgen Lüsebrink, Interkulturelle Kommunikation: Interaktion, Fremdwahrnehmung, Kulturtransfer, Stuttgart: Metzler, 2005.

Rege 2014: Adeline Rege, De l’aventure vécue à l’aventure racontée : les conditions de voyage comme thème littéraire dans les récits de voyage de Simon-Louis Du Ry (1746-1777), in: Annales de Bretagne et des pays de l’Ouest 121, 2014, 3, S. 59-75.

Voß 2011: Andrea Voß, Zur Transformation von Erzählerfiguren: Vom ‚Wir’ zum ‚Ich’ — Identitätseinschreibungen in frühneuzeitlichen Reiseberichten, in: Grenzen überschreiten — transitorische Identitäten. Beiträge zu Phänomenen räumlicher, kultureller und ästhetischer Grenzüberschreitung in Texten vom Mittelalter bis zur Moderne, hg. v. Monika Unzeitig, Bremen: Lumière, 2011, S. 123-141.

Voß 2016: Andrea Voß, Reisen Erzählen. Erzählrhetorik, Intertextualität und Gebrauchsfunktionen des adligen Bildungsreiseberichts in der Frühen Neuzeit, Heidelberg: Universitätsverlag Winter, 2016 (= Neue Bremer Beiträge, Bd. 20).

Das Treffen versteht sich vor allem als ein Gedankenaustausch, ein Workshop. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer werden gebeten, konkrete Fallbeispiele vorzustellen, die in der Runde diskutiert werden sollen. Die Beiträge werden als Audiodateien zur Verfügung gestellt werden (s. weiter unten).

Wir freuen uns auf den Gedankenaustausch!

Das Projektteam ARCHITRAVE

Programm

Donnerstag, 22. November 2018

9.00 Uhr: Begrüßung

9.15-9.30 Uhr: Introduction — Hendrik Ziegler (Philipps-Universität Marburg)

9.30-10.15 Uhr: Dialogue interculturel et transfert culturel dans les récits de voyages de l’époque moderne : quelques réflexions méthodologiques — Hans-Jürgen Lüsebrink (Universität des Saarlandes)

10.15-11.00 Uhr: The young traveler: Ferdinand Bonaventura Harrach and his Grand Tour (1655-57) — Katrin Keller (Institut für Neuzeit- und Zeitgeschichtsforschung, Österreichische Akademie der Wissenschaften)

11.00-11.30 Uhr: Pause

11.30-12.15 Uhr: The travel diary as a composite text and fragmentary source on the experience of travel — Jill Bepler (Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel)

12.15-13.30 Uhr: Mittagessen

13.30-14.15 Uhr: Ekphrasis viatiques : le cas de Jean-François Regnard en Europe du Nord — Sylvie Requemora-Gros (Aix-Marseille Université)

14.15-15.00 Uhr: Writing about French and Italian sights: distinct narrative patterns in 17th century travel diaries of young german noblemen or their erudite tutors — Andrea Voß (Universitätsbibliothek Augsburg)

15.00-15.30 Uhr: Pause

15.30-16.15 Uhr: Three Englishmen in Rome: Descriptions of Italian architecture by Richard Lassels, John Evelyn and Joseph Addison — Martina Engelbrecht (Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg)

16.15-17.00 Uhr: De l’Italie à l’Espagne, du dessin à la correspondance : le cas Hardouin-Mansart de Sagonne — Philippe Cachau (Université Bordeaux-Montaigne)

Abendessen

Freitag, 23. November 2018

10.00-10.45 Uhr: Le voyage à Paris de l’architecte Simon-Louis Du Ry (1748-1752) : un voyage de formation au métier d’architecte — Adeline Rege (Université de Strasbourg)

10.45-11.30 Uhr: The immediate traveler: Friedrich Karl von Hardenberg’s travels to France and England in the 1740s — Marcus Köhler (Technische Universität Dresden)

11.30-11.45 Uhr: Pause

11.45-12.30 Uhr: Ordinary and extraordinary in two Eighteenth century Swedish travel accounts from Italy — Stefano Fogelberg Rota (Umeå Universitet)

12.30-13.00 Uhr: Mittagessen

14.00 Uhr: Treffen vor dem DFK

15.00 Uhr: Besuch der Galerie dorée — Arnaud Manas, Chef du Service du Patrimoine Historique et des Archives

Publikation

Veröffentlichung der Audiomitschnitte der Beiträge auf der Webseite des Centre de Recherche sur la Littérature des Voyages (Semestriel n°42 der Lettres du voyageur), hg. v. Mme Roquemora-Gros, verantwortliche Herausgeberin des CRLV und Teilnehmerin am Workshop: http://www.crlv.org/colloque/entre-réalité-et-fiction